Einfach mal alte Wut loslassen

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… und Raum für neue Freude ohne Wut schaffen

Eigentlich bin ich gar nicht nachtragend. Ich würde mich als offenen, toleranten und ziemlich wertschätzenden Menschen beschreiben, den so leicht nichts aus der Bahn wirft. Aber kürzlich habe ich mal so richtig vom Leder gezogen. Ich habe einer Freundin ganz im Privaten erzählt, wie mich eine Kollegin gekränkt hat. Wie unverschämt ich das fand. Wie ungerechtfertigt. Und im ersten Moment habe ich mich dabei so richtig gut gefühlt. Auf der Seite derer, die es anständig machen. Die sowas nie anderen zufügen würden. Undsoweiter. Und nach einer Weile wurde mir klar, was ich da eigentlich tue: Ich mache mich selbst zum „armen Opfer“. Zu einer dieser „Gerechten“, die immer alles ganz toll machen und denen von anderen übel mitgespielt wird. Weia! Das mir! Wo ich doch immer gegen diese armen Opfer wettere, die … halt! Das ist auch wieder das gleiche Verhalten!

Kommt Ihnen irgendetwas daran bekannt vor?

Menschen, die dich hängenlassen …

Ich habe dann einmal Revue passieren lassen, wie viele Bälle ich so gleichzeitig in der Luft halte. Oder eher: Die ich so unterschwellig mit mir herumtrage und die dann bei passender Gelegenheit hochploppen: Menschen, die mich haben hängen lassen, als ich ihre Hilfe brauchte. Kollegen, die von mir mehr verlangt haben als sie bereit waren zu geben. Und immer wieder, weil ich nun mal selbst sehr viel veröffentliche: Kontakte oder sogar gute Bekannte, die sich bei meinen Inhalten bedient haben, um nicht zu sagen: bei mir geklaut haben. Für eigene Projekte, für den eigenen Profit.

Mir ist klargeworden, wie oft ich an sowas denke.Wie oft ich zu anderen eine Bemerkung darüber mache. Wie viel meiner freien Aufmerksamkeit das bindet. Und mir ist auch klargeworden, dass ich zwar jedes Mal das gute Gefühl habe, im Recht zu sein. Dass mir aber zugleich diese wenig liebevollen Gedanken an andere schaden. Ein solches Verhalten verbraucht jede Menge Aufmerksamkeit, die für anderes nicht zur Verfügung steht. Damit bezieht man auf sich und nimmt persönlich, was wahrscheinlich gar nicht so gemeint war. Und schadet letztlich nur sich selbst.

Rechthaben rockt – oder?

Das Ego fühlt sich im Zentrum. Es hat ein Gefühl eigener Bedeutung. Es weiß, dass es recht hat. Aber es bezahlt zugleich: nämlich mit jeder Menge gebundener Aufmerksamkeit. Mit unangenehmen Gefühlen. Mit energetischen Blockaden, die es selbst aufgebaut hat. Letztlich führt alter Groll, den man immer mit sich herumträgt und durch neuen aufstockt, dazu, dass man sich selbst immer mehr isoliert und an vielen Stellen von einem liebevollen Umgang mit anderen (und letztlich auch mit sich selbst) abkoppelt.

Ich habe beschlossen, allen diesen alten (und auch den relativ neuen) Groll einfach loszulassen. „Das klingt einfacher, als es ist!“, werden Sie vielleicht sagen. Fakt ist: Es gibt viele verschiedene Techniken, die man dafür anwenden kann. Aber letztlich ist es einfach eine Sache der Übung und des eigene Willens. Und plötzlich ist es dann doch einfacher als gedacht. Hier ist ein Vorschlag, wie das ganz praktisch umzusetzen ist:

8 Schritte, um alten Groll einfach loszulassen - und Raum für Neues zu schaffen

1. Erkennen
Wenn Sie etwas ändern wollen, müssen Sie es erst einmal erkennen. Vieles wird einfach zur Angewohnheit, ohne dass Menschen sich überhaupt noch bewusst machen, was Sie tun. Wenn Sie also erkennen wollen, welchen alten Groll Sie weiter züchten, müssen Sie sich selbst vor allem genau zuhören. Hilfreich könnte es auch sein, eine Liste derjenigen Personen oder Organisationen zu machen, auf die Sie wütend sind, von denen Sie sich enttäuscht oder hintergangen fühlen.

2. Entscheiden
Die Entscheidung ist das Wichtigste: Will ich weiter diesen alten Müll mit mir herumschleppen – oder will ich ihn loswerden? Dazu gehört auch, sich davon zu verabschieden, dass man irgendwie Genugtuung erfährt, indem man die alten Beschuldigungen immer aufs Neue wiederholt, vielleicht fast schon ritualisiert, wenn ein bestimmter Name fällt oder ein Thema irgendwo auftaucht. Sie könnten gezielt am eigenen Rechthaben-Müssen arbeiten (und warum Sie das tun), aber das ist schon wieder ein eigenes Thema …

3. Einfach stoppen
Leichter gesagt als getan? Nein, leichter getan als erwartet: Hören Sie einfach auf. Wenn Sie sich das nächste Mal dabei ertappen, dass Sie eine alte Geschichte laut (oder in Gedanken) abspulen oder die immergleichen Vorwürfe innerlich drehen und wenden, sagen Sie einfach bewusst: „Stopp!“ Und jedes Mal, wenn die Leier wieder beginnt: einfach wieder innerlich aufhören. Dazu gehört einfach die Willenskraft, die Sie aus Ihrer bewussten Entscheidung ziehen. Willenskraft kann man auch üben.

4. Aufmerksamkeit abziehen
Ihre Aufmerksamkeit können Sie bewusst steuern. Richten Sie sie einfach absichtsvoll auf etwas anderes: schöne Gedanken, einen interessanten Gegenstand oder einfach auf das, was im Moment ist. Auch das können Sie üben. Demnächst dazu in einem eigenen Artikel mehr – den brauchen Sie aber nicht, um jetzt gleich anzufangen.

5. Ladung herausnehmen
Hinter Kränkungen und Verletzungen, die Sie erfahren haben, steckt immer eine Menge emotionale Ladung. Jedes Mal, wenn Sie die Geschichte wiederholen, laden Sie sie neu mit Bedeutung auf. Die vorherigen Schritte nehmen also schon viel Ladung heraus. Noch mehr können Sie herausnehmen, indem Sie die Sache nicht so persönlich nehmen. Selbst wenn jemand Sie ungerecht behandelt hat, hat er vielleicht gar nicht sie persönlich gemeint. Sondern er hat eigene Probleme und Projektionen, die dazu geführt haben. Vielleicht hat er aber auch gar nicht an Sie gedacht. Das Gute ist: Sie müssen seine Motive und Probleme nicht kennen oder ergründen. Lassen Sie sie einfach bei ihm oder ihr. Lassen Sie sie los.

6. Nicht neu kreieren
Sie haben die Aufmerksamkeit von alten Geschichten abgezogen – aber Sie merken gerade, dass Sie wieder verletzt, ungerecht behandelt, zu wenig gewürdigt werden? Da ist offensichtlich etwas Grundsätzliches zu klären. Ein altes Muster beispielsweise, das Sie immer wieder solche Situation erleben lässt. Schön, wenn Sie es herausfinden. Dazu gibt es Techniken; ein Coaching könnte hilfreich sein. Aber Sie können auch einfach weiter üben, nicht alles so persönlich zu nehmen. Freunden Sie sich mehr und mehr mit dem Gedanken an, dass Sie nicht für alle anderen das Zentrum des Universums sind.

7. Nachsicht üben
Üben Sie nicht nur Nachsicht mit anderen – sondern auch und vor allem mit sich selbst. Verurteilen Sie sich nicht selbst, wenn es nicht gleich immer klappt. Fast jeder Mensch hat Kränkungen und Verletzungen erlebt; niemand ist vollends geklärt. Es geht nicht um Perfektion, sondern darum, Aufmerksamkeit zu befreien und selbst weniger Müll herumzuschleppen. Für die eigene Lebensqualität. Dabei gibt es kein „gut“ oder „weniger gut“. Es ist Ihre Entscheidung, wie Sie damit umgehen. Mein Tipp: einfach nicht alles so ernst nehmen.

8. Optional: Hinterfragen
Selbst wenn man allen und jedem vergeben hat: Meistens gibt es eine Sache, eine Person, eine Situation, wo man einfach kein Loslassen, keine Vergebung hinkriegt. Angeblich beim besten Willen nicht. Hier könnten Sie sich fragen: Was hält mich in dieser unseligen Verquickung? Welchen „Nutzen“ habe ich davon? Warum kreiere ich dieses Drama immer wieder aufs Neue? Warum will ich es nicht loslassen?

… und wenn Sie das alles wissen, dann können Sie sich immer noch bewusst für oder gegen das Loslassen entscheiden!

Letzte Frage: Kann dann jeder alles mit mir machen?

Die Frage, ob man sich dann ab jetzt alles gefallen lassen muss, ist häufig – und berechtigt. Die Antwort lautet: Müssen Sie nicht. Auf keinen Fall. Aber wenn Sie das Persönliche herausrechnen, wenn Sie die Dinge weniger persönlich nehmen, können Sie auch sachlicher damit umgehen. Sie können angemessen gegensteuern und anderen Grenzen setzen. Wenn nötig, auch mit rechtlichen Mitteln.

Sie sind auch nicht auf ewig vor neuen Verletzungen und Enttäuschungen gefeit. Aber Sie können damit aufhören, jede neue Geschichte als weiteren Ball in die Luft zu werfen und immer wieder eigene Kraft in Dinge zu investieren, die längst Vergangenheit sind.

Wie das Innen, so das Außen!

Bei mir hat sich übrigens Erstaunliches bewegt, nachdem ich die oben beschriebenen alten Geschichten einfach losgelassen habe. Wie das oft so ist, wenn man nur bei sich selbst etwas ändert, ändert sich plötzlich auch das Außen. Das ist eine Binsenweisheit, aber sie ist erstaunlich zutreffend. Wie aus dem Nichts haben alte Freunde angerufen. Ich fühle mich in den Netzwerken, in denen ich mich bewege, viel freier und verbundener. Und ich bin vorbehaltlos und offen auf einige Leute wieder zugegangen, denen ich in letzter Zeit so ein wenig gegrollt hatte. Daraus haben sich ganz neue Verbindungen ergeben, teil sogar enger als zuvor.

Und vor allem: Ich fühle mich sehr erleichtert, dass ich alle diese alten Geschichten einfach mal loslassen konnte. Auch und gerade, weil ich immer dachte, dass ich ja nun wirklich nicht sehr nachtragend bin …

Ich wünsche Ihnen viel freie Aufmerksamkeit!

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Buchtipp zum Thema:

Colin Tipping: Ich vergebe: Der radikale Abschied vom Opferdasein*

 

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